{"id":138,"date":"2018-01-16T21:17:15","date_gmt":"2018-01-16T21:17:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.alexanderknickmeier.de\/?p=138"},"modified":"2018-01-16T21:17:15","modified_gmt":"2018-01-16T21:17:15","slug":"gewesen-vortrag-von-hartmut-rosa-in-der-ev-stadtakademie-bochum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.alexanderknickmeier.de\/?p=138","title":{"rendered":"[gewesen] Vortrag von Hartmut Rosa in der Ev. Stadtakademie Bochum"},"content":{"rendered":"<p>Das diesj\u00e4hrige <a href=\"https:\/\/www.stadtakademie.de\/programm.html\">Programm der Evangelischen Stadtakademie Bochum<\/a> startete spektakul\u00e4r: Hartmut Rosa kam, um \u00fcber die Theorie der \u201eResonanz als Ma\u00dfstab f\u00fcr Lebensf\u00fchrung und Gesellschaft&#8220; zu sprechen, die in den letzten Jahren &#8211; auch au\u00dferhalb enger soziologischer Kreise &#8211; einige Beachtung erfahren hat. Obwohl die Veranstaltung extra kurzfristig in einen gr\u00f6\u00dferen Raum der Stadtb\u00fccherei umgezogen ist, war kaum noch Platz und einige Besucher mussten stehen. Soziologie als Stra\u00dfenfeger&#8230;<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Hartmut <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Rosa?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Rosa<\/a> erzeugt Resonanz in der Evangelischen Stadtakademie in <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Bochum?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Bochum<\/a>. Volles Haus. <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/RosaInBochum?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#RosaInBochum<\/a> <a href=\"https:\/\/t.co\/TQ7eklQTpA\">pic.twitter.com\/TQ7eklQTpA<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Alexander Knickmeier (@Knickmeier) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Knickmeier\/status\/951888970723528705?ref_src=twsrc%5Etfw\">January 12, 2018<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p>In seiner Theorie analysiert Rosa die Entwicklung der Moderne als Entwicklung der Beschleunigung und sucht auf individueller und gesellschaftlicher Ebene nach Ursachen, Folgen und &#8211; in der Soziologie nicht selbstverst\u00e4ndlich &#8211; nach Ans\u00e4tzen einer Therapie (vgl. Abb.).<br \/>\n<img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-140 size-full\" src=\"http:\/\/blog.alexanderknickmeier.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Screenshot-2018-01-16-21.24.23.png\" alt=\"\" width=\"721\" height=\"383\" srcset=\"http:\/\/blog.alexanderknickmeier.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Screenshot-2018-01-16-21.24.23.png 721w, http:\/\/blog.alexanderknickmeier.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Screenshot-2018-01-16-21.24.23-300x159.png 300w, http:\/\/blog.alexanderknickmeier.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Screenshot-2018-01-16-21.24.23-181x96.png 181w\" sizes=\"(max-width: 721px) 100vw, 721px\" \/><br \/>\nAuf gesellschaftlicher Ebene geht er dabei zun\u00e4chst davon aus, dass das gegenw\u00e4rtige Wirtschaftssystem Wachstum voraussetzt. Ohne dieses Wachstum komme es zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, zu sinkenden Einkommen und einem R\u00fcckgang des Wohlstandes. In Anlehnung an Max Weber sagt er: \u201eDas Stahlharte an unserer Gesellschaft ist die Wachstumslogik.&#8220; Diese l\u00e4sst sich jedoch auch auf individueller Ebene finden. Treiber ist hier das Bed\u00fcrfnis des Menschen nach einer sogenannten \u201eWeltreichweitenerweiterung\u201c. Menschen streben nach einer Vergr\u00f6\u00dferung ihrer individuellen Handlungsspielr\u00e4ume. Zentrale Faktoren sind hier a) die Angst, abgeh\u00e4ngt zu werden, seinen Platz in der Welt zu verlieren und &#8222;auf das Abstellgleis geschoben zu werden&#8220; und b) das Begehren, die Welt \u201ein Reichweite zu bringen\u201c, d.h. sich neue Dinge verf\u00fcgbar zu machen: Sie wollen in der Firma aufsteigen, um interessantere Aufgaben zu bekommen und um mehr Geld zu verdienen. Mit dem h\u00f6heren Einkommen k\u00f6nnen Sie in eine bessere Wohngegend und in ein Haus ziehen, das vorher nicht erschwinglich war. Sie k\u00f6nnen an Orte reisen, die vorher nicht erreichbar waren. In Anlehnung an Kants kategorischen Imperativ k\u00f6nne man einen neuen Imperativ der Moderne formulieren und sagen: \u201eHandle jederzeit so, dass sich deine Weltreichweite vergr\u00f6\u00dfert.\u201c Rosa geht an dieser Stelle so weit, die gesamte Technikentwicklung, vom Faustkeil bis zur Atombombe, als eine Geschichte der Vergr\u00f6\u00dferung der eigenen Reichweite zu deuten.<\/p>\n<p>Dieser Analyse der Grundmechanismen der Wachstumsgesellschaft schlie\u00dft er auf gesellschaftlicher Ebene die Diagnose der Desynchronisation einzelner Teilbereiche von Gesellschaft an. Nicht alle Lebensph\u00e4ren lassen sich gleicherma\u00dfen dynamisieren. Unter dem Druck der Beschleunigung werden manche abgeh\u00e4ngt. Teile der Wirtschaft (z.B. die Finanzm\u00e4rkte) bewegen sich schneller als andere (z.B. die sogenannte Realwirtschaft), die ihrerseits wiederum das politische System abh\u00e4ngen. Auf individueller Ebene kommt es in der Folge zu Symptomen der Entfremdung. Rosa definiert diesen in der Soziologie h\u00e4ufig verwendeten Begriff als einen &#8222;Modus der Beziehung zur Welt, der sich aus der Abwesenheit der inneren Verbundenheit mit ihr charakterisiert&#8220;. Die eigene Umwelt erscheine stumm, grau und abwesend. Als Extremform der Entfremdung sind dabei psychische Krankheiten wie Burn-out zu werten, die durch eine Ziel- und Sinnlosigkeit am Arbeitsplatz entstehen k\u00f6nnen. Als individuelle Reaktion auf diesen Problemdruck ist zu beobachten, dass sich die Menschen \u2013 weil ihnen selbst nicht klar ist, wie Alternativen zur Entfremdung, wie &#8222;das gute Leben&#8220; aussehen kann \u2013 auf den Erwerb von strategischen Ressourcen der Selbstoptimierung konzentrieren: Sie versuchen, \u201egenug\u201c Geld anzuh\u00e4ufen, so gesund und fit wie m\u00f6glich zu werden, sich mit den \u201erichtigen\u201c Freunden zu umgeben etc., um f\u00fcr alle weitere Herausforderungen ger\u00fcstet zu sein.<\/p>\n<p>Im letzten Schritt &#8211; im Bereich der Therapie &#8211; fragt Rosa nun, wie \u201edas gute Leben\u201c aussehen kann. Hierbei gilt es, auf gesellschaftlicher Ebene, eine neue Wirtschaftsform zu finden, die nicht mehr auf st\u00e4ndiges Wachstum ausgerichtet ist. Solche Wirtschaftsformen zeichnen sich durch die F\u00e4higkeit einer &#8222;adaptiven Stabilisierung&#8220; aus, d.h. sie k\u00f6nnen bei Knappheit (z.B. an Lebensmitteln, Wohnungen etc.) an bestimmten Stellen wachsen, m\u00fcssen es aber nicht permanent. In den letzten Jahren forschte Rosa an dieser Stelle an alternativen Wirtschaftsmodellen z.B. am von der DFG finanzierten Kolleg <a href=\"https:\/\/www.blog-kolleg-postwachstum.de\/\">\u201eLandnahme, Beschleunigung, Aktivierung. Dynamik und (De-)Stabilisierung moderner Wachstumsgesellschaften\u201c<\/a>. (eine Zusammenfassung des Programms findet sich in diesem <a href=\"http:\/\/www.postwachstum.de\/von-der-beschleunigten-zur-resonanten-weltbeziehung-forschungsstrategie-und-forschungsfragen-fuer-das-postwachstumskolleg-jena-2013-2015-20140206\">Blogpost<\/a>). Diesem \u2013 sicherlich noch ungel\u00f6stem Problemfeld \u2013 setzt Rosa auf individueller Ebene nun den Begriff der Resonanz entgegen. Damit beschreibt er einen Modus gelingender Weltbeziehung, der durch die F\u00e4higkeit charakterisiert wird, sich von der Umwelt emotional ber\u00fchren zu lassen, dem Eindruck der Selbstwirksamkeit, d.h. der M\u00f6glichkeit, auf seine Umgebung Einfluss nehmen zu k\u00f6nnen sowie der \u201eUnverf\u00fcgbarkeit der Welt\u201c, d.h. der Tatsache, dass sich die Welt der Verf\u00fcgbarmachung bewusst entzieht.<\/p>\n<p>Im Anschluss an die Debatte war noch etwas Zeit f\u00fcr die Diskussion mit dem Publikum, bei der ich Rosa (leider nur kurz) nach seiner Einsch\u00e4tzung fragen konnte, inwiefern die Genossenschaft ein Modell f\u00fcr eine Wirtschaft der adaptiven Stabilisierung sein k\u00f6nnte. Rosa hielt dies f\u00fcr m\u00f6glich, es k\u00e4me dabei auf die Form der Genossenschaft und den Gr\u00fcndungszweck an. Insbesondere gemeinsam nutzbare G\u00fcter\u00a0 oder G\u00fcter der \u00f6ffentlichen Daseinsvorsorge k\u00f6nnten jedoch auf diese Weise au\u00dferhalb der Wachstumslogik organisiert werden.<\/p>\n<p>Rosas Theorie der Resonanz ist hiermit zwar noch nicht kritisch gew\u00fcrdigt, aber immerhin\u00a0hoffentlich weitestgehend richtig wiedergegeben worden, Erg\u00e4nzungen und Korrekturen immer gern! Als weiterf\u00fchrende Information empfehle ich einen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=S-bHnM3Uwuk\">Vortrag Rosas bei der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung<\/a> und eine <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jAPwIYFaORg\">Folge des Philosophischen Radios auf WDR5<\/a> aus dem Jahr 2016.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das diesj\u00e4hrige Programm der Evangelischen Stadtakademie Bochum startete spektakul\u00e4r: Hartmut Rosa kam, um \u00fcber die Theorie der \u201eResonanz als Ma\u00dfstab f\u00fcr Lebensf\u00fchrung und Gesellschaft&#8220; zu sprechen, die in den letzten Jahren &#8211; auch au\u00dferhalb enger soziologischer Kreise &#8211; einige Beachtung erfahren hat. 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