{"id":227,"date":"2019-07-29T15:34:01","date_gmt":"2019-07-29T15:34:01","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.alexanderknickmeier.de\/?p=227"},"modified":"2019-07-30T18:15:58","modified_gmt":"2019-07-30T18:15:58","slug":"hartmut-rosa-teil-2-unverfuegbarkeit-und-ansaetze-einer-politiktheorie-der-resonanz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.alexanderknickmeier.de\/?p=227","title":{"rendered":"Hartmut Rosa, Teil 2: Unverf\u00fcgbarkeit und Ans\u00e4tze einer Politiktheorie der Resonanz"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor knapp 1,5 Jahren hatte ich das <a href=\"http:\/\/blog.alexanderknickmeier.de\/?p=138\">Gl\u00fcck, Hartmut Rosa live in Bochum sehen zu k\u00f6nnen<\/a>. In unserer Stadtb\u00fccherei organisierte die Evangelische Stadtakademie, deren <a href=\"https:\/\/www.stadtakademie.de\/programm.html\">hervorragendes Programm ich nur empfehlen kann<\/a>, eine Lesung, in der Rosa ausf\u00fchrlich sein Konzept von Beschleunigung und Resonanz darlegte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zwischenzeit hat Rosa ein neues, erg\u00e4nzendes Essay vorgelegt, in dem er das Konzept der Unverf\u00fcgbarkeit vorstellt, das auf dem Begriff der Resonanz aufbaut. F\u00fcr Rosa zeichnet sich die Resonanzerfahrung, als Modus mit der wir als Menschen mit unserer Umwelt in Beziehung treten k\u00f6nnen, dadurch aus, dass wir eine Anrufung erfahren und von etwas ergriffen werden (Affizierung), dies bei uns eine Reaktion ausl\u00f6st (Responsive Reaktion, Emotion) und unser Blick auf die Welt ver\u00e4ndert wird (Verfl\u00fcssigung des Weltverh\u00e4ltnisses, Transformation). <\/p>\n\n\n\n<p>Kennzeichnend f\u00fcr die sp\u00e4tmoderne Gesellschaft ist laut Rosa der kontinuierliche Versuch der Verf\u00fcgbarmachung. Wir sind auf Kontrolle und Effizienz fixiert und \u00fcberlassen kaum einen Aspekt unseres Lebens noch dem Zufall. Gleichzeitig versuchen wir, uns immer mehr Ressourcen und Inhalte verf\u00fcgbar zu machen. Dazu nutzen wir bspw. Technologien, Medien oder spezielle Dienstleistungen &#8211; z.B. der Tourismusindustrie, die uns den perfekten Urlaub und unvergessliche Erlebnisse verspricht. Da diese Logik sich aber nur dynamisch stabilisiert (vgl. Abb. <a href=\"http:\/\/blog.alexanderknickmeier.de\/?p=138\">im ersten Rosa-Blogpost<\/a>), wir also auf st\u00e4ndige Erweiterung angewiesen sind, droht dieses Unternehmen regelm\u00e4\u00dfig zu scheitern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus merken wir, dass sich die Resonanzerfahrung nicht k\u00fcnstlich herbeif\u00fchren l\u00e4sst. Alexandra Tobor beschreibt dies in ihrem gro\u00dfartigen Podcast <a href=\"http:\/\/in-trockenen-buechern.de\/\">&#8222;In trockenen B\u00fcchern&#8220;<\/a> mit einem Erlebnis, das sie im Kontakt mit Tieren hatte. So begegnete sie bei einem Spaziergang in der Stadt zuf\u00e4llig ein Fuchs. Er war unvermittelt aufgetaucht, sah sie an und war gleich auch schon wieder weg, noch bevor sie ihr Handy z\u00fccken konnte. Dieses Ereignis ist ihr sehr nahe gegangen. Gleichzeitig konnte eine Begegnung mit zahmen Affen in einem Tierpark, die von Besuchern mit Popcorn gef\u00fcttert wurden, nicht das das gleiche Gef\u00fchl vermitteln. Rosa beschreibt die Nicht-Kontrollierbarkeit der Resonanzerfahrung am <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/hartmut-rosa-ueber-unverfuegbarkeit-kein-schnee-faellt-auf.1322.de.html?dram:article_id=444265\">Beispiel des Schnees:<\/a> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>\u201eIch wei\u00df nicht ob sie sich erinnern k\u00f6nnen, was das f\u00fcr ein Gef\u00fchl sein kann, wenn es pl\u00f6tzlich sachte anf\u00e4ngt zu schneien\u201c, beschreibt Rosa. \u201eUnd diese Welt verwandelnde Qualit\u00e4t h\u00e4tte das nicht, wenn wir es auf Knopfdruck schneien lassen k\u00f6nnten.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Was das mit Politik zu tun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rosas Theorie von Beschleunigung, Resonanz und Unverf\u00fcgbarkeit hat explizit den Anspruch der Gesellschaftstheorie, muss also auch Hinweise dar\u00fcber geben k\u00f6nnen, wie gute Gesellschaft aussehen kann und wie Politik, insbesondere auf lokaler Ebene, ausgestaltet werden muss. Dazu hat Rosa einen sehr interessanten Vortrag im M\u00e4rz 2019 in Linz gehalten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"432\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Ih5_qiRhbHc?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><figcaption>Hartmut Rosa: Der Kern der Politik und die Krise der Demokratie<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Rosa ist Politik, im Gegensatz zu Carl Schmitt (auf der Rechten), Laclau, Mouffe oder Ranciere (auf der Linken) nicht der Ort sozialer K\u00e4mpfe und des Antagonismus, bei dem Politik dann als Ergebnis eine Art Pazifizierung dieses Grundkonflikts durch hegemoniale Dominanz herstellt. Rosa stellt das Relationale von Politik in den Vordergrund. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>Politik ist eine intentionale Gestaltung der infrastrukturellen Strukturen der Lebenswelt und ihrer Beziehungsform. Die Absicht, Sozialwelten zu gestalten.<\/em> <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Demokratie ist das Versprechen, sich in diesen Prozess einbringen zu k\u00f6nnen. Der Unterschied zwischen den Konzepten liegt darin, dass der Kampf und der Streit nicht gegeneinander, sondern um etwas Drittes gef\u00fchrt wird &#8211; ein wichtiger Unterschied. Ziel ist dabei die Herstellung des Gemeinwohls. Dies fasst Rosa jedoch nicht als etwas Konkretes, etwas Substanzielles auf, sondern es ist eine Form des Bezogenseins:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>&#8222;Das Gemeinwohl ist da realisiert, wo B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sich nicht als Totfeinde begegnen, sondern in einer spezifischen Weise, n\u00e4mlich in einer Weise, die eine Resonanzbeziehung ist. Und einen spezifischen Prozess einleiten, den ich demokratische Politik nenne und der ergebnisoffen ist.&#8220; <\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das Gemeinwohl ist f\u00fcr Rosa dann gegeben, wenn das Gemeinwesen durch die Etablierung und den Erhalt von f\u00fcnf Resonanzachsen charakterisiert ist:<\/p>\n\n\n\n<ol><li><strong>Soziale Resonanz:<\/strong> Dies ist die Resonanzbeziehung zwischen den B\u00fcrgerInnen. Sie haben sich etwas zu sagen. Politik muss somit den Dialogprozess f\u00f6rdern und Plattformen des Austausches zwischen den B\u00fcrgerInnen bieten. Die DiskutantInnen m\u00fcssen sich dabei aufeinander einlassen, damit sich zwischen ihnen etwas entwickeln kann und gemeinsames Handeln m\u00f6glich wird.<\/li><li><strong>Politische Resonanz<\/strong> bezeichnet die Beziehung zwischen den B\u00fcrgerInnen und den Institutionen. Wie sehr empfinden sie die geschaffenen Einrichtungen als ihre eigenen? Wie lassen sich die bestehenden politischen Strukturen durch das Gemeinwesen gestalten?<\/li><li><strong>\u00d6kologische Resonanz<\/strong> bezeichnet das Verh\u00e4ltnis der B\u00fcrgerInnen mit den materiellen Strukturen des Gemeinwesens. Wie ist der gemeinsam geteilte Raum in einer Stadt gestaltet? Wie steht es um die vorhandene Architektur in der Stadt, die Verkehrsplanung und die Natur und Gr\u00fcnanlagen?<\/li><li><strong>Zeitliche Resonanz<\/strong> bezeichnet die Verbindung der B\u00fcrgerInnen mit der Vergangenheit und dadurch auch die Verbindung mit der Zukunft. Die Vergangenheit konditioniert die eigene politische Existenz der B\u00fcrgerInnen und konditioniert somit auch die eigenen Entw\u00fcrfe mit der Zukunft.<\/li><li><strong>Exogene Resonanz:<\/strong> Auch das, was au\u00dferhalb des Gemeinwesens liegt, muss in einer resonanten Beziehung stehen. Repulsion oder Indiferrenz &#8211; bspw. mit den N\u00f6ten au\u00dferhalb der Gemeinschaft &#8211; f\u00fchrt auch zu einer Verh\u00e4rtung und Indifferenz innerhalb der Gemeinschaft.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><strong>Und nun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nun stellt sich die Frage, wie sich Rosas Ideen in der praktischen politischen Arbeit vor Ort umsetzen lassen. Was l\u00e4sst sich von Rosa lernen? Aus meiner Sicht lassen sich mindestens folgende Punkte ableiten, wobei die Liste sicherlich noch weiter zu erg\u00e4nzen ist:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Die <strong>Kommunikation<\/strong> von Ideen, Projekten, Prozessen und laufenden Verfahren sind mindestens genauso wichtig, wie die klassische Gremienarbeit, wenn nicht sogar noch wichtiger.<\/li><li>Den B\u00fcrgerInnen ist viel <strong>Raum f\u00fcr Mitsprache<\/strong> einzur\u00e4umen. Sie m\u00fcssen bei ihrem individuellen Kenntnisstand abgeholt werden. Formate wie B\u00fcrgerInnen-Foren, Town Hall Meetings oder B\u00fcrgerInnen-Spazierg\u00e4nge sind dringend n\u00f6tig.<\/li><li>Die B\u00fcrgerInnen m\u00fcssen immer wieder Gelegenheiten haben, sich auch ganz <strong>praktisch f\u00fcr die eigene Umgebung zu engagieren<\/strong>. Dinge wie Blumenwiesen f\u00fcr Bienen, Putztage oder Aktionen wie &#8222;Bochum singt&#8220; und der Maisch\u00fctzen-Einzug sind wichtig. Sie schaffen Resonanz.<\/li><li>Aktionen zur <strong>Stadtgeschichte<\/strong> schaffen ein Bewusstsein f\u00fcr die lokale Identit\u00e4t der Stadt und helfen, aktuelle Gegebenheiten zu verstehen.<\/li><li>Auch auf kommunaler Ebene m\u00fcssen R\u00e4ume f\u00fcr <strong>\u00fcberregionales Engagement<\/strong> geschaffen werden. St\u00e4dtepartnerschaften, die Initiative Solidarische Gemeinde, die Aktion &#8222;Sichere Hafen \/ Seebr\u00fccke&#8220; oder Pulse of Europe sind Beispiele, die gezielt dieses Bed\u00fcrfnis adressieren.<\/li><li>Das Konzept des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/B%C3%BCrgerhaushalt\"><strong>B\u00fcrgerInnenhaushalts<\/strong><\/a>, bei dem die B\u00fcrgerInnen einen Teil der finanziellen Mittel selbst verwalten, schaffen eine M\u00f6glichkeit der direkten Partizipation und w\u00e4re auch im Sinne einer resonanten Politik.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt: Es ist sehr wichtig, wieder mehr <strong>Leute f\u00fcr Parteiarbeit zu  begeistern<\/strong>. Dazu m\u00fcssen die Parteien noch viel st\u00e4rker ihre gewohnten R\u00e4umlichkeiten, Treffpunkte und Formate verlassen und dort hingehen, wo &#8222;die Menschen&#8220; sind. Dies betrifft sowohl die sozialen Netzwerke als auch Veranstaltungen in Kneipen oder in anderen Treffpunkten in den Quartieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor knapp 1,5 Jahren hatte ich das Gl\u00fcck, Hartmut Rosa live in Bochum sehen zu k\u00f6nnen. In unserer Stadtb\u00fccherei organisierte die Evangelische Stadtakademie, deren hervorragendes Programm ich nur empfehlen kann, eine Lesung, in der Rosa ausf\u00fchrlich sein Konzept von Beschleunigung und Resonanz darlegte. 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