Hartmut Rosa, Teil 2: Unverfügbarkeit und Ansätze einer Politiktheorie der Resonanz

Vor knapp 1,5 Jahren hatte ich das Glück, Hartmut Rosa live in Bochum sehen zu können. In unserer Stadtbücherei organisierte die Evangelische Stadtakademie, deren hervorragendes Programm ich nur empfehlen kann, eine Lesung, in der Rosa ausführlich sein Konzept von Beschleunigung und Resonanz darlegte.

In der Zwischenzeit hat Rosa ein neues, ergänzendes Essay vorgelegt, in dem er das Konzept der Unverfügbarkeit vorstellt, das auf dem Begriff der Resonanz aufbaut. Für Rosa zeichnet sich die Resonanzerfahrung, als Modus mit der wir als Menschen mit unserer Umwelt in Beziehung treten können, dadurch aus, dass wir eine Anrufung erfahren und von etwas ergriffen werden (Affizierung), dies bei uns eine Reaktion auslöst (Responsive Reaktion, Emotion) und unser Blick auf die Welt verändert wird (Verflüssigung des Weltverhältnisses, Transformation).

Kennzeichnend für die spätmoderne Gesellschaft ist laut Rosa der kontinuierliche Versuch der Verfügbarmachung. Wir sind auf Kontrolle und Effizienz fixiert und überlassen kaum einen Aspekt unseres Lebens noch dem Zufall. Gleichzeitig versuchen wir, uns immer mehr Ressourcen und Inhalte verfügbar zu machen. Dazu nutzen wir bspw. Technologien, Medien oder spezielle Dienstleistungen – z.B. der Tourismusindustrie, die uns den perfekten Urlaub und unvergessliche Erlebnisse verspricht. Da diese Logik sich aber nur dynamisch stabilisiert (vgl. Abb. im ersten Rosa-Blogpost), wir also auf ständige Erweiterung angewiesen sind, droht dieses Unternehmen regelmäßig zu scheitern.

Darüber hinaus merken wir, dass sich die Resonanzerfahrung nicht künstlich herbeiführen lässt. Alexandra Tobor beschreibt dies in ihrem großartigen Podcast „In trockenen Büchern“ mit einem Erlebnis, das sie im Kontakt mit Tieren hatte. So begegnete sie bei einem Spaziergang in der Stadt zufällig ein Fuchs. Er war unvermittelt aufgetaucht, sah sie an und war gleich auch schon wieder weg, noch bevor sie ihr Handy zücken konnte. Dieses Ereignis ist ihr sehr nahe gegangen. Gleichzeitig konnte eine Begegnung mit zahmen Affen in einem Tierpark, die von Besuchern mit Popcorn gefüttert wurden, nicht das das gleiche Gefühl vermitteln. Rosa beschreibt die Nicht-Kontrollierbarkeit der Resonanzerfahrung am Beispiel des Schnees:

„Ich weiß nicht ob sie sich erinnern können, was das für ein Gefühl sein kann, wenn es plötzlich sachte anfängt zu schneien“, beschreibt Rosa. „Und diese Welt verwandelnde Qualität hätte das nicht, wenn wir es auf Knopfdruck schneien lassen könnten.“

Was das mit Politik zu tun?

Rosas Theorie von Beschleunigung, Resonanz und Unverfügbarkeit hat explizit den Anspruch der Gesellschaftstheorie, muss also auch Hinweise darüber geben können, wie gute Gesellschaft aussehen kann und wie Politik, insbesondere auf lokaler Ebene, ausgestaltet werden muss. Dazu hat Rosa einen sehr interessanten Vortrag im März 2019 in Linz gehalten.

Hartmut Rosa: Der Kern der Politik und die Krise der Demokratie

Für Rosa ist Politik, im Gegensatz zu Carl Schmitt (auf der Rechten), Laclau, Mouffe oder Ranciere (auf der Linken) nicht der Ort sozialer Kämpfe und des Antagonismus, bei dem Politik dann als Ergebnis eine Art Pazifizierung dieses Grundkonflikts durch hegemoniale Dominanz herstellt. Rosa stellt das Relationale von Politik in den Vordergrund.

Politik ist eine intentionale Gestaltung der infrastrukturellen Strukturen der Lebenswelt und ihrer Beziehungsform. Die Absicht, Sozialwelten zu gestalten.

Demokratie ist das Versprechen, sich in diesen Prozess einbringen zu können. Der Unterschied zwischen den Konzepten liegt darin, dass der Kampf und der Streit nicht gegeneinander, sondern um etwas Drittes geführt wird – ein wichtiger Unterschied. Ziel ist dabei die Herstellung des Gemeinwohls. Dies fasst Rosa jedoch nicht als etwas Konkretes, etwas Substanzielles auf, sondern es ist eine Form des Bezogenseins:

„Das Gemeinwohl ist da realisiert, wo Bürgerinnen und Bürger sich nicht als Totfeinde begegnen, sondern in einer spezifischen Weise, nämlich in einer Weise, die eine Resonanzbeziehung ist. Und einen spezifischen Prozess einleiten, den ich demokratische Politik nenne und der ergebnisoffen ist.“

Das Gemeinwohl ist für Rosa dann gegeben, wenn das Gemeinwesen durch die Etablierung und den Erhalt von fünf Resonanzachsen charakterisiert ist:

  1. Soziale Resonanz: Dies ist die Resonanzbeziehung zwischen den BürgerInnen. Sie haben sich etwas zu sagen. Politik muss somit den Dialogprozess fördern und Plattformen des Austausches zwischen den BürgerInnen bieten. Die DiskutantInnen müssen sich dabei aufeinander einlassen, damit sich zwischen ihnen etwas entwickeln kann und gemeinsames Handeln möglich wird.
  2. Politische Resonanz bezeichnet die Beziehung zwischen den BürgerInnen und den Institutionen. Wie sehr empfinden sie die geschaffenen Einrichtungen als ihre eigenen? Wie lassen sich die bestehenden politischen Strukturen durch das Gemeinwesen gestalten?
  3. Ökologische Resonanz bezeichnet das Verhältnis der BürgerInnen mit den materiellen Strukturen des Gemeinwesens. Wie ist der gemeinsam geteilte Raum in einer Stadt gestaltet? Wie steht es um die vorhandene Architektur in der Stadt, die Verkehrsplanung und die Natur und Grünanlagen?
  4. Zeitliche Resonanz bezeichnet die Verbindung der BürgerInnen mit der Vergangenheit und dadurch auch die Verbindung mit der Zukunft. Die Vergangenheit konditioniert die eigene politische Existenz der BürgerInnen und konditioniert somit auch die eigenen Entwürfe mit der Zukunft.
  5. Exogene Resonanz: Auch das, was außerhalb des Gemeinwesens liegt, muss in einer resonanten Beziehung stehen. Repulsion oder Indiferrenz – bspw. mit den Nöten außerhalb der Gemeinschaft – führt auch zu einer Verhärtung und Indifferenz innerhalb der Gemeinschaft.

Und nun?

Nun stellt sich die Frage, wie sich Rosas Ideen in der praktischen politischen Arbeit vor Ort umsetzen lassen. Was lässt sich von Rosa lernen? Aus meiner Sicht lassen sich mindestens folgende Punkte ableiten, wobei die Liste sicherlich noch weiter zu ergänzen ist:

  • Die Kommunikation von Ideen, Projekten, Prozessen und laufenden Verfahren sind mindestens genauso wichtig, wie die klassische Gremienarbeit, wenn nicht sogar noch wichtiger.
  • Den BürgerInnen ist viel Raum für Mitsprache einzuräumen. Sie müssen bei ihrem individuellen Kenntnisstand abgeholt werden. Formate wie BürgerInnen-Foren, Town Hall Meetings oder BürgerInnen-Spaziergänge sind dringend nötig.
  • Die BürgerInnen müssen immer wieder Gelegenheiten haben, sich auch ganz praktisch für die eigene Umgebung zu engagieren. Dinge wie Blumenwiesen für Bienen, Putztage oder Aktionen wie „Bochum singt“ und der Maischützen-Einzug sind wichtig. Sie schaffen Resonanz.
  • Aktionen zur Stadtgeschichte schaffen ein Bewusstsein für die lokale Identität der Stadt und helfen, aktuelle Gegebenheiten zu verstehen.
  • Auch auf kommunaler Ebene müssen Räume für überregionales Engagement geschaffen werden. Städtepartnerschaften, die Initiative Solidarische Gemeinde, die Aktion „Sichere Hafen / Seebrücke“ oder Pulse of Europe sind Beispiele, die gezielt dieses Bedürfnis adressieren.
  • Das Konzept des BürgerInnenhaushalts, bei dem die BürgerInnen einen Teil der finanziellen Mittel selbst verwalten, schaffen eine Möglichkeit der direkten Partizipation und wäre auch im Sinne einer resonanten Politik.

Nicht zuletzt: Es ist sehr wichtig, wieder mehr Leute für Parteiarbeit zu begeistern. Dazu müssen die Parteien noch viel stärker ihre gewohnten Räumlichkeiten, Treffpunkte und Formate verlassen und dort hingehen, wo „die Menschen“ sind. Dies betrifft sowohl die sozialen Netzwerke als auch Veranstaltungen in Kneipen oder in anderen Treffpunkten in den Quartieren.

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