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[Gelesen]: Volker Weiß – Die autoritäre Revolte

Mit den Wahlen am 14. Mai 2017 ist durch die AfD nun erstmalig eine rechtsextreme Partei in den Düsseldorfer Landtag eingezogen. Auch wenn das Problem in NRW damit nicht neu ist, war der spürbare Rechtsruck insbesondere ab 2016 Anlass, mich etwas näher mit der „Neuen Rechten“ zu beschäftigen und Volker Weiß’ neues Buch „Die autoritäre Revolte“ zu lesen.
Weiß beschreibt darin die Situation einer emanzipatorischen und liberalen Gesellschaft, die durch autoritäre Strömungen unter Druck gesetzt wird und führt in die Denkmuster der Neuen Rechten ein. Mit diesem Begriff wird die Generation von Rechtsextremen bezeichnet, die sich zwar ideologisch auf klassische völkische und nationalistische Anknüpfungspunkte bezieht, jedoch erst nach 1945 geboren wurde, die Zeit des Nationalsozialismus also nicht mehr mit eigenen Augen gesehen hat.
Im ersten Teil des Buches werden die Versuche, Einfluss auf die Entwicklung der jungen Bundesrepublik zu nehmen, skizziert. Meist jedoch in der zweiten Reihe, als Publizisten, Verleger oder – wie im Fall von Armin Mohler – Referenten wichtiger Politiker wie Franz-Josef Strauß.
Die Erfüllung der Ziele, wie das Wiedererstarken Deutschlands oder z.B. der Emanzipation aus dem „Schuldkult“ des Holocausts gerieten jedoch regelmäßig ins Stocken. Auch nach der Wende blockierten abschreckende Formen rechtsextremer Gewalt wie in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda eine nachhaltige und flächendeckende Etablierung einer rechtsextremen Partei in deutschen Parlamenten. Stattdessen wurde der deutsche Konservatismus – so die Wahrnehmung der Neuen Rechten – unter der Regierung Kohl gelähmt und von Ereignissen wie z.B. der Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung in die Defensive gedrängt. Die Machtübernahme der Grünen im Bund unter der Führung der SPD – Weiß hält die häufig vorgenommene Darstellung, die Entwicklung der APO nach 68 und die der neuen Rechten wären vergleichbar, für falsch – verdeutlichte die Verschiebung des Zeitgeistes Ende der 1990er Jahre.
Auch schien es lange Zeit so, als wenn ebenfalls das nächste Gelegenheitsfenster Ende der 2000er Jahre nicht genutzt werden könnte. Zwar wuchsen angesichts der Finanzkrise ökonomische Probleme innerhalb der Eurozone und es drohte Deutschland, weitere finanzielle Risiken europäischer Partner (genauer gesagt die Risiken der Banken und ihrer Gläubiger) mittragen zu müssen, das Attentat von Utøya und die Morde des NSU begrenzten die Möglichkeiten offen rechtsextremer Parolen aber deutlich.
Einen Impuls bekam das neurechte Projekt mit den Büchern von Thilo Sarrazin. Mit dem pseudowissenschaftlichen Anstrich, der selektiven Auswahl von Fakten und dem Versuch, mit einem theoretischen Überbau an die Phänomene des Alltagsrassismus anzuknüpfen, bediente sich Sarrazin etablierter Instrumente der neurechten Bewegung. Mit Erfolg: Im Windschatten dieser gesellschaftlichen Debatte und vor dem Hintergrund der Herausforderungen angesichts des starken Anstiegs der Zahl der Asylsuchenden ab 2015 und den sogenannten Montagsspaziergängen von Pegida glückte die Umwandlung der AfD von einer reinen Anti-Euro-Partei zu einer rechtspolistischen Partei, die die bekannten Themenfelder der Neuen Rechten bedient.
Neben dieser historischen Perspektive auf das Phänomen werden weitere Kampfbegriffe und Thesen analysiert. Darunter fällt z.B. die Vorstellung vom Abendland als verwandten, historisch gewachsenen Kulturraum, den es gegen äußere Einflüsse zu verteidigen gilt. Weiß zeigt hier die Genese des Begriffs auf und beschreibt, wie häufig sich bspw. vermeintliche Freunde und Feinde – je nach politischer Lage –  abwechselten.
„Mal meint Abendland Christentum – Jerusalem aber liegt im Orient. Dann meint es lange Westkirche gegen Ostkirche, lateinischer Okzident gegen griechisches Byzanz – heute aber sucht die AfD den Schulterschluss mit Putin und dessen russisch-orthodoxer Kirche. Dann wieder ist mit Abendland die katholisch-lateinische Reichsidee des Mittelalters gemeint – später soll ausgerechnet das protestantisch-ostelbische Preußen das Abendland retten. Nach 1917 wurde der Begriff mobilisiert, um gegen den russischen Bolschewismus Stellung zu beziehen, bevor Hitler dann die Front nach Westen warf und seit 1941 das Abendland gegen seinen Widersacher aus der Neuen Welt verteidigen zu müssen meinte. Während des Kalten Kriegs gehörten die USA zum Abendland. Der Begriff ist ein Platzhalter, der sich je nach Bedarf ideologisch füllen und einsetzen lässt.“ (ZeitOnline)
Gleichzeitig beschreibt Weiß Metapolitik als „Kampffeld“ der Neuen Rechten. Dabei geht es unter anderem darum, bestimmte Ideen und Schlüsselbegriffe in einem zusammenhängenden Theoriegerüst zu verankern und diese innerhalb gesellschaftlicher Diskurse neu mit rechtem Gedankengut zu besetzen. Beispiele für solche Kampffelder sind u.a. die Neuverhandlung von Geschlechterrollen und Familienmodelle oder der Kampf gegen ein Gendermainstreaming. Weiß entlässt den Leser letztlich mit dem dringenden Appell an jeden Einzelnen, gegen diese Bedrohungen der liberalen Gesellschaft aktiv vorzugehen:
„Es gilt den Kampf gegen diese Entwicklungen aufzunehmen. […] Gewaltige Anstrengungen werden dafür nötig sein, denn es ist kein Naturgesetz, dass die Seite der Emanzipation gewinnt.“ (S. 265)
Die „Autoritäre Revolte“ ist ein lesenswertes Buch für Menschen, die sich über die Hintergründe der Neuen Rechten, Pegida und AfD informieren möchten, auch wenn es sich manchmal in Details verliert und nach hinten heraus einige Längen und Wiederholungen besitzt. Nicht irritieren lassen sollte man sich von den teilweise sehr schlechten Bewertungen auf Amazon, in denen sich die „Fans“ der AfD austoben.

Weitere Besprechungen des Buches findet man:

 

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